Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Man denkt sein Leben lang, dass schlimme Dinge nur anderen passieren. Dass schlimme Dinge nur schlechten Menschen passieren. Und mit einem Schlag merkt man, dass man zu den Anderen gehört - vielleicht auch zu den Schlechten.Zuerst kam der Schlaganfall, dann mühseliges zurück kämpfen ins Leben und wenn man denkt, es hätte nicht schlimmer ausgehen können, schlägt dir das Schicksal direkt in die Fresse und streckt dir grinsend den Stinkefinger ins Gesicht.

Ich werde im März 24 Jahre alt und ich schreibe hier nicht von mir, sondern von meiner Mutter. Sie ist gerade einmal 55 Jahre alt, hat vier Hirnschläge hinter sich, überwindet gerade eine einseitig diagnostizierte Lähmung und leidet unter Aphasie - sprechen fällt ihr sehr schwer. Seit November kämpft sie sich Stück für Stück zurück ins Leben. Zuerst waren es kleine Dinge wie alleine den Fuss anheben. Die kleinen Dinge wurden jedoch grösser und wir freuten uns, als sie an Weihnachten nach Hause kam und es bereits schaffte, alleine aufs Klo zu laufen. Es war ein kleines Weihnachtswunder für uns.

2016 konnte man bei uns wirklich als scheiss Jahr abstempeln. Mein Grossvater erlag dem Krebsleiden und meine Mama erlitt einen Schlaganfall nach dem anderen. Zuerst war es eine kleine, kaum merkbare Streifung, die von den Ärzten zunächst auch fehldiagnostiziert wurde. Das war im Mai 2016. Auswirkungen waren leichte Sprachstörungen und eine ungelenke rechte Hand. Nach der Diagnose "Schlaganfall" begab sich meine Mutter direkt in ambulante Behandlung und war im Oktober schon beinahe wieder so weit hergestellt, dass sie wieder hätte anfangen dürfen zu arbeiten. Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf. Als sie gerade im Wald spazieren war, erlitt sie den nächsten Schlaganfall und fiel bewusstlos zusammen. Wer sie fand und die Rettungskräfte alarmierte ist nach wie vor unklar. Sie wurde auf die Stroke-Unit verlegt und behandelt. Nach einigen Tagen waren keine Symptome mehr bemerkbar und wir hatten wieder das Gefühl, dass sie ausserordentlich viel Glück hatte. Da ihr Blutdruck jedoch nicht unter Kontrolle zu bringen war, behielten sie sie dort. Ab da war es eine ständige Achterbahnfahrt - ein ständiges Auf und Ab zwischen bangen und hoffen.Viel zu spät bemerkte man die verstopften Arterien in ihrem Kopf, die sich als Moya-Moya Syndrom entpuppten. Sie erlitt während des Krankenhausaufenthaltes zwei weitere Hirnschläge und ihr Zustand verschlechterte sich rapide. Die Ärzte mussten bald operieren und die Blockade lösen.Die Erleichterung war gross, als der Anruf kam, dass die OP gut verlaufen sei - umso grösser war der Schock als wenige Tage später eine Nachblutung der Operation auftrat. Zu diesem Zeitpunkt war auf einmal unklar, wie es weitergehen sollte. Meine Mama wachte zum Glück wieder auf, Sprache und die rechte Körperhälfte waren jedoch weg. Und so wurde sie innerhalb von ein paar Wochen von einer komplett klaren und vitalen Frau zu einem Pflegefall.

Also stiessen wir an Silvester darauf an, dass 2017 alles besser werden wird und besser werden muss.

Bis gestern war diese Hoffnung auch noch durchaus berechtigt. Zwischenzeitlich erholte sich meine Mutter so gut in ihrer REHA, dass die Ärzte sich nun weniger auf ihre Beine konzentrierten und dafür mehr auf den Arm, den sie bisher auch noch nicht anheben konnte, damit das alleine Leben bald wieder möglich wurde. Woche für Woche konnte sie mehr erzählen und sich ausdrücken. Und letzte Woche wurden dann endlich die meisten Medikamente abgesetzt und die Thrombosespritzen wurden durch ihren Bewegungsdrang hinfällig.
Wir waren so stolz. So stolz darauf, dass sie sich nicht einfach in ein Loch fallen liess. So stolz, dass sie sich durchkämpfen wollte, dass sie nach Hause wollte und wieder ein eigenes Leben führen wollte.

Wochenlang habe ich auf meine Mama eingeredet, mit ihr gesprochen und ihr erklärt, dass sie super Fortschritte machte und wenn es so weiter ginge, sie bald nach Hause darf. Ich sprach ihr positiv zu, versuchte sie zum Lachen zu bringen und tröstete sie, wenn sie weinte. Stundenweise habe ich ihr Mut zugesprochen, ihr erklärt, dass für uns die Situation auch nicht einfach ist, und sie jetzt dafür kämpfen müsse, dass sie wieder gesund wurde und nach Hause konnte. Sie war motiviert, sie wollte es, sie wollte leben.

Und immer wenn man denkt, dass nun alles gut werden würde, wird es schlimmer. Und immer wenn man denkt, dass es nicht mehr schlimmer werden kann, dann eröffnet sich innert wenigen Sekunden eine neue Möglichkeit um die Situation noch zu verschlimmern.

Letzte Woche war meine Mutter plötzlich komisch. Müde, antriebslos, träge... Wenn sie nach Hause kommt, geht sie zu meiner Oma. In diesem Haus hat es eine Säule direkt beim Sofa. Meine Mutter konnte sich seit sie das erste Mal zu Hause war immer an dieser Säule hochziehen. Letzten Samstag auf einmal nicht mehr. Es kam mir merkwürdig vor, ich wollte aber nicht gleich wieder den Teufel an die Wand malen und etwas Schlimmes vermuten. Also wollte ich es noch etwas beobachten.
Die Beobachtungen nahmen mir jedoch die Ärzte schon ab. Zurück in der REHA schlief sie viel und ass wenig. Also wurde eine Blutuntersuchung angeordnet. Diese ergab zu hohe Leberwerte, worauf ein MRT gemacht wurde. Diagnose: Leberkrebs. Man suchte jedoch weiter und fand dann den Herd - die Lunge.Monatelang gekämpft, bereits auf dem Weg zurück in ein normales Leben. Und dann die Diagnose Bronchialkarzinom mit Ablegern auf Leber und Knochen. Operation nicht mehr möglich bzw. einfach auch nicht mehr sinnvoll.

Wie soll man damit noch weiterkämpfen wollen?

Ich habe diesen Blog erstellt, da ich mir dieses ganze Drama von der Seele schreiben will und muss. Ich fühle eine riesen Ohnmacht, grosse Wut und tiefste Traurigkeit über die ganze Situation. Ich weiss nicht, wer mir mehr leid tut - meine Mutter oder ich. Wir haben so gekämpft und den Krieg haben wir zwar gewonnen, die Schlacht womöglich jedoch verloren.

Es gibt grundsätzlich zwei Formen von Krebs bei einem Bronchialkarzinom. Eine Schlimme und eine weniger Schlimme. Scheisse sind beide. Beide führen irgendwann zum Tod, wenn man sie nicht operieren kann. Die Sterblichkeitsrate ist sehr gross.

Momentan bin ich an einem Punkt, an dem ich weiss, dass meine Mama sicher sehr jung sterben wird. Ich weiss nur noch nicht, wie lange sie im Endeffekt noch hat, da die Ergebnisse der Biopsie noch nicht da sind. Das erfahren meine Familie und ich nächste Woche.

Und alles was mir im Moment noch zu sagen bleibt ist: Mama, ich liebe dich, und wir hatten viel zu wenig Zeit miteinander. Und durch die erste beschissene Krankheit kann ich keine tröstenden Worte, keine erleichternde Gespräche und keine bleibenden Ratschläge von dir erwarten. Dabei brauche ich dich und deine weisen Worte genau jetzt am meisten.

Die Verzweiflung sitzt tief, die Hoffnung stirbt zuletzt.

26.1.17 22:14

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Marie / Website (26.1.17 23:14)
Es stimmt absolut, das Schicksal ist ein mieser Verräter. Und leider ist es so, es trifft eben nicht immer nur die Anderen. Manchmal trifft es auch einen selbst und das auch noch ganz unverhofft und plötzlich.
Es tut mir sehr leid, dass Du so viel schlimme Sachen erleben musstest und vorallem tut es mir sehr leid, dass es Deiner Mama so schlecht geht. Aber bitte gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht gibt es doch noch eine Therapiemöglichkeit, ein Bronchialcarcinom kann man möglicherweise doch behandeln. Das Ergebnis der Biopsie wäre auf jeden Fall abzuwarten, auch wenn es schwer fällt. Bitte nicht die HOffnung aufgeben und jeden Tag mit Deiner Mama genießen. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass es hoffentlich nicht das schlimmste Ausmaß annimmt und ihr noch einige Zeit zusammen sein könnt. LG, Marie

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